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Exkursion im Rahmen der Kirchenentwicklung nach Israel und Palästina
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Die Westmauer in Jerusalem: Hier beten die Juden und beklagen den Verlust des Tempels. © Bistum Limburg

Eine Stadt, in der Religionen und Kulturen aufeinanderprallen: Jerusalem. Diese Stadt erwartete die Teilnehmer der Exkursion zur Kirchenentwicklung in Israel am 5. Tag der Reise. Juden, Muslime und Christen leben und arbeiten in Jerusalem und der nahen Umgebung. Das Nebeneinander der Religionen kann funktionieren, aber es ist vor allem eins nicht: einfach. Darüber sprachen die Teilnehmer mit verschiedenen Menschen.

In Israel sind etwa 2,4 Prozent der Bevölkerung Christen, in Palästina sind es weniger als ein Prozent. Damit sind die Christen deutlich in der Minderheit gegenüber den Muslimen und den Juden. „Der interreligiöse Dialog gehört bei uns zum Alltag“, erklärte Schwester Gabriele. Sie gehört zu den Benediktinerinnen, die ihr Kloster auf dem Ölberg haben. Die Gruppe hat das Benediktinerkloster am Samstagnachmittag besucht. Im Umfeld der Schwestern leben wenige christliche Familien, „wir teilen unseren Alltag mit anderen Menschen und von daher ist es klar, dass man mit verschiedenen Religionen in Kontakt kommt.“ Wenn jemand an der Tür läute, gehe diese auf, sagte sie weiter.

Auf dem Tempelberg

Dass dieses Aufeinanderprallen von Religionen aber durchaus nicht einfach ist, davon sprach Tamar Avraham, eine katholische Theologin, die zum Judentum konvertiert ist und in Jerusalem lebt. Sie führte die Gruppe über den Tempelberg. Der Tempelberg ist einer der wichtigsten Orte für die Muslime, denn der Überlieferung zufolge ist Mohammed dort in den Himmel hinaufgefahren. Der Berg ist aber auch für die Juden einer der wichtigsten Orte, denn dort hat der Tempel gestanden. Auf diesem Berg mitten in Jerusalem dürfen aber nur die Muslime beten, die Juden beten an der sogenannten Klagemauer oder auch Westmauer, die den Tempelplatz begrenzt hat. Beide Religionen wollen diesen Ort, den Tempelberg, für sich allein in Anspruch nehmen, berichtete Avraham. „Es hat etwas mit der Ausstrahlung heiliger Orte zu tun“, sagte sie. „Es geht um die Symbolik. Wir können Gott nicht fassen, brauchen aber etwas, an dem wir uns festhalten können.“ Juden haben in der Geschichte viel verloren - beispielsweise den Tempel und die Bundeslade und sie wurden mehrfach vertrieben. Daher bestünde eine große Verlustangst innerhalb dieser Religion. 

Um das Judentum zu schützen, diskriminiere der Staat Israel alle Menschen, die nicht jüdisch sind, erklärte Jesuitenpater David Neuhaus, den die Gruppe am Sonntagnachmittag traf. „Vor allem werden Menschen mit palästinensisch-arabischer Abstammung diskriminiert“, sagte er. Somit gebe es in Israel und Palästina Menschen verschiedener Klassen. Vor allem richte sich diese Diskriminierung aber gegen Menschen mit palästinensischer-arabischer Abstammung. Wie das Leben in Israel und Palästina konkret davon beeinflusst wird, davon sprachen Reem und George Akroush. Sie sind verheiratet und haben drei Kinder. Reem Akroush stammt aus Bethlehem, ist damit Palästinenserin und Christin, George Akroush stammt aus Ost-Jerusalem, ist auch Palästinenser und Christ. Reem muss jedes Jahr Erlaubnisse beantragen, um mit ihrer Familie zusammenzuleben, um in Jerusalem zu arbeiten und auch um vom Flughafen in Tel Aviv in den Urlaub zu fliegen. Sie darf kein Auto fahren und in ihrem Pass ist nicht eingetragen, dass sie drei Kinder hat. George hingegen darf Auto fahren und hat keine Probleme, in Urlaub zu fliegen oder Auto zu fahren, weil er aus Ost-Jerusalem stammt. „Das schränkt unseren Alltag sehr ein“, erklärte George Akroush. „Es ist schwierig, unseren Kindern Werte wie Frieden oder Akzeptanz zu vermitteln, wenn man so behandelt wird“, sagte er. Sie wollen ihr Leben in Jerusalem und Bethlehem trotz Möglichkeiten aber nicht aufgeben. „Wir sehen unsere Präsenz hier als Verantwortung. Wir sind wahre Zeugen Christi und glauben, dass wir zur ersten Gemeinschaft der Christen gehören, weil wir hier leben“, sagte Akroush.

© Bistum LimburgSchwester Gabriele auf dem Ölberg
© Bistum LimburgSchwester Gabriele auf dem Ölberg
© Bistum LimburgGeorge Akroush (links) und seine Frau Reem (rechts).
© Bistum LimburgTamar Avraham erklärt das Leben in Jerusalem.
© Bistum LimburgJesuitenpater David Neuhaus
© Bistum LimburgDer Felsendom auf dem Tempelberg
© Bistum Limburg
© Bistum LimburgSchwester Monika erzählt von ihrer Arbeit im St. Louis Hospital.
© Bistum LimburgRaina Salsaa lebt in Bethlehem.
© Bistum Limburg
© Bistum Limburg

Engagement in der Gesellschaft

 

Um die Werte und den christlichen Glauben geht es auch Pater Neuhaus. Christen sicherten sich ihren Platz in der Gesellschaft dadurch, dass es wichtige Institutionen in christlicher Hand gebe. „Das sind Krankenhäuser und Schulen vor allem“, erklärt Neuhaus. Dadurch werde der christliche Glaube sichtbar. Gerade bei Christen, die in jüdischem Umfeld lebten, sei es ein Problem, ihre Identität nicht zu verlieren. Diese Institutionen und die Arbeit Neuhaus‘ helfen dabei. „Ich besuche manchmal Schulklassen und zeige den Kindern, dass sie vollkommen israelisch und damit auch jüdisch in ihrer Kultur sein und dabei aber christlich glauben können“, sagte er. Zudem betonte er, dass die Schulen und Krankenhäuser zwar in christlicher Hand seien, aber Menschen jeder Religion und Kultur willkommen seien. 

Um ein grundsätzlich gutes Miteinander geht es auch der Organisation Diyar, die sich für die Gesellschaft und das Zusammenleben von Christen, Juden und Muslimen in Palästina einsetzt und von dem evangelisch-lutherischen Pfarrer Mitri Raheb gegründet wurde. Davon erzählte die Direktorin des Kulturzentrums, Rania Salsaa, bei einem Besuch der Gruppe in Bethlehem. „Die Reise ins Heilige Land ist wie eine schwere Mahlzeit“, sagte sie. Es gehe darum, festzuhalten, dass das Christentum im Heiligen Land entstanden ist. „Und es gibt grundsätzlich ein gutes Miteinander“, so Salsaa. 

Dieses Auskommen betonte auch Schwester Monika Düllmann. Sie leitet das St. Louis Hospital, ein Palliativ-Krankenhaus. „Wenn Menschen krank sind, dann ist die Religion egal“, sagte sie. Es komme dabei nur auf das Setting an. In ihrem Krankenhaus arbeiten sowohl Muslime, als auch Juden und Christen. „Es findet sich immer eine Lösung eines Problems, wenn man nur kreativ ist und es wirklich will“, sagte die Schwester.